Lesestoff


Rock-Metropolen vor den Toren Stuttgarts

"Von Abba bis Zappa – Als Sindelfingen und Böblingen den Südwesten rockten" - die gelungene Zeitreise zurück in eine umtriebige Ära

Okay, ich gebe es zu, da habe ich etwas verpasst. Als Oberschwabe steuerte ich in den 70er- und 80er-Jahren bei meinen Konzertbesuchen meist die Ravensburger Oberschwabenhalle und die Donauhalle in Ulm an. Dabei lag zu der Zeit "der Nabel der Welt", was Rock- und Popkonzerte im Südwesten der Republik betrifft, eindeutig in Sindelfingen und Böblingen. Christoph Wagner hat in seinem neuen Buch VON ABBA BIS ZAPPA - ALS SINDELFINGEN UND BÖBLINGEN DEN SÜDWESTEN ROCKTEN diese Ära aufgearbeitet. 

  

 In 16 Kapiteln bietet das Buch ein Spektrum von den frühen Beat-Tagen, über die Ära des Krautrocks und diversen Jazz-, Blues- und Soul-Höhepunkten, bis hin zu den Pionieren des Elektro-Pop, die ebenfalls nicht an Sindelfingen und Böblingen vorbei kamen. Allein schon der Blick auf die vier Innenseiten des Hardcovers lässt erahnen, über welches Star-Aufkommen sich die Konzertgänger damals gefreut haben. Auf den dort abgebildeten Eintrittskarten und Konzertplakaten tummeln sich Namen wie Queen, Genesis, AC/DC, Frank Zappa, Abba, Santana, Van Halen, Supertramp und Rod Stewart, um nur einige der Größen zu nennen.

 Dass es in den beiden vergleichsweise kleinen Nachbarstädten vor den Toren der Landeshauptstadt zu einer derartigen Ansammlung hochkarätiger Live-Acts kam, hatte vor allem mit dem „Stuttgarter Popverbot“ zu tun. Aufgrund diverser Ausschreitungen und den daraus entstandenen Sachbeschädigungen waren die dortigen Hallen von 1970 bis 1972 für Rock- und Popkonzerte gesperrt. Notgedrungen mussten die großen deutschen Tournee-Agenturen und lokale Veranstalter nach Sindelfingen und Böblingen ausweichen, wo Hallen in entsprechender Größe angemietet werden konnten. 

 

Allein schon der ausführliche Teil über die ersten Jahre von Message dürfte Pflichtlektüre für die Fangemeinde der in Sindelfingen gegründeten deutsch-schottischen Rockformation sein. Hier ein Bild, das 1972 entstanden ist. Foto: Michael Schmidt
Allein schon der ausführliche Teil über die ersten Jahre von Message dürfte Pflichtlektüre für die Fangemeinde der in Sindelfingen gegründeten deutsch-schottischen Rockformation sein. Hier ein Bild, das 1972 entstanden ist. Foto: Michael Schmidt

 Dass nun die Erinnerungen an jene umtriebige Zeit dermaßen detailliert aufgefrischt werden können, ist wieder einmal der aufwendigen Recherche Christoph Wagners bei Zeitzeugen sowie in diversen Zeitungs- und Stadtarchiven zu verdanken. Doch „Von Abba bis Zappa“ ist weit mehr als eine regionale Konzert-Chronik der 60er- bis 80er-Jahre. Wie schon in seinen anderen Büchern nimmt er uns grundsätzlich mit auf eine Zeitreise zurück in die damalige Musikszene. In eine Ära voller Improvisation, unkonventioneller Ideen und den daraus resultierenden Aktionen, die für die heutige junge Generation nur noch schwer vorstellbar ist. 


 So gab es, abgesehen von der Erstürmung diverser Konzerte, auch einige Initiativen, den Leuten stattdessen attraktive Bands zu fairen Preisen anzubieten. Okay, eintrittsfreie und kostengünstige Livemusik gibt es auch heute noch, zumindest in den kleinen Konzertkneipen. Aber beispielsweise selbstverwaltete Jugendzentren mit ehrenamtlicher Kulturarbeit sind heute rare Kleinbiotope, die man mit der Lupe suchen muss. Befasst man sich mit den beiden hochinteressanten Kapiteln „Rock – Außer Rand und Band“ und „Pop-Utopia“, kann man durchaus Parallelen in die heutige Zeit ziehen. Großkonzerte mit bekannten Stars sind heute so teuer wie nie und nicht wenige Musikfans können sich die Ticketpreise nicht mehr leisten.  

 

Damals hat er live auch noch „Child In Time“ gemeistert. Ian Gillan von Deep Purple am 10. Februar 1972 in der Böblinger Sporthalle. Foto: Martin Schultz
Damals hat er live auch noch „Child In Time“ gemeistert. Ian Gillan von Deep Purple am 10. Februar 1972 in der Böblinger Sporthalle. Foto: Martin Schultz

 Es sind auch diese vielen kleinen Anekdoten und Details, die das Buch zum kurzweiligen Lesespaß machen. So erwähnt der Autor beispielsweise auch die Aktion einer Winterlinger Jungens-Clique, die zum Teil auch im tiefsten Winter und bei bitterer Kälte mehrmals mit dem Mofa über die Alb nach Sindelfingen und Böblingen gefahren sind, um ihre Rockhelden live erleben zu können.


 Zuletzt punktet Christoph Wagner mit einem journalistischen Kniff, der für viele besonders interessant sein dürfte. Im Kapitel "Ich war dabei!" lässt er in kurzen Statements regionale Szenegrößen wie Büdi Siebert, Werner Dannemann, Teflon Fonfara, Rainer “Mulo“ Maulbetsch, Hans-Peter Haag oder Peter Schick zu Wort kommen, wodurch auch Leser mit einem guten Kenntnis-Stand die Stuttgarter Szene betreffend noch Neues erfahren dürften.   

 

Erwartungsvolle Fans im Jahr 1972 in der vollbesetzten Sindelfinger Ausstellungshalle. Hier kommt gleich die Band Fleetwood Mac auf die Bühne. Foto: Michael Schmidt
Erwartungsvolle Fans im Jahr 1972 in der vollbesetzten Sindelfinger Ausstellungshalle. Hier kommt gleich die Band Fleetwood Mac auf die Bühne. Foto: Michael Schmidt

 Kurzum, VON ABBA BIS ZAPPA ist enorm vielseitig und informativ geworden. Die ansprechende Buchgestaltung mit vielen bisher kaum oder noch nie gezeigten Konzertbildern, Plakaten und Eintrittskarten macht optisch einiges her. Für die Statistiker unter der Leserschaft gibt es zudem noch eine zehnseitige Zeitleiste mit allen Gigs von 1964 bis 1986. Unterstützt und herausgegeben wurde das Buch vom Stadtmuseum Sindelfingen in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt der Stadt Böblingen. 


 Christoph Wagner hat mit seinen Büchern und Reportagen schon viel für die Aufarbeitung der Popkultur im Südwesten Deutschlands getan. Nun hat er auch diese Lücke geschlossen. 

 

Miche Hepp

 

Christoph Wagner - Von Abba bis Zappa –

Als Sindelfingen und Böblingen den Südwesten rockten
Verlag Regionalkultur. 264 Seiten.

ISBN 978-3-95505-536-3, 29,80 €