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Viel zu erzählen . . . . .

Inga Rumpf, Bertram Engel und "Little Steven" Van Zandt haben kurzweilig zu lesende Autobiografien vorgelegt

Mit Inga Rumpf, Bertram Engel und Little Steven Van Zandt haben drei Urgesteine der Musikszene ihre Memoiren verfasst. Zumindest bei Bertram Engel und Little Steven war der Corona-Lockdown der Impulsgeber dazu. Was alle drei vereint, ist eine spannende, jahrzehntelange Laufbahn, gespickt mit zahlreichen Höhepunkten, aber auch Ausnahmesituationen, Schicksalstage und Rückschläge, die verdaut werden mussten. 

 

"Ich wollte immer nur singen, mit Musik meinen Lebensunterhalt verdienen, Menschen und die Welt kennenlernen."

Mit gerademal vier Jahren hat INGA RUMPF nach einem Gesangsvortrag ihre erste Gage erhalten, als bald 80jährige ist sie immer noch "on the road". Das nennt man mal eine veritable Karriere. Nun hat die Grande Dame des deutschen Rockbiz ihre Autobiografie veröffentlicht. "Darf ich was vorsingen?" ist ein sehr persönliches Buch geworden, das weit über ihr musikalisches Leben hinausgeht. INGA RUMPF gibt uns intime Einblicke in ihr Privates, bleibt dabei aber angenehm bodenständig. 

 So selbstverständlich, wie sie sich in den 80er- und 90er-Jahren Computerkenntnisse selbst beigebracht hat, scheint INGA RUMPF ihre Lebensgeschichte niedergeschrieben zu haben. Als Musikerin hat die Hamburgerin viel erlebt. Zu den vielen Höhepunkten ihrer langen Laufbahn gehören eine Studio-Session in London mit Keith Richards und Ron Wood sowie das Zusammentreffen mit der Blueslegende B.B. King. Die große Tina Turner hat 1983 ihren Song "I Wrote A Letter" für eine Single gecovert, was sie sehr geehrt hat. Übrigens eine der härtesten Nummern, die ich von der Soul-Queen kenne. Davor hat INGA RUMPF als Sängerin der Bands City Preachers, Frumpy und Atlantis Rockgeschichte geschrieben. Sie war übrigens auch als erste deutsche Rocksängerin in den USA auf Tour. Die heute immer noch sehr vital und jung wirkende 79jährige erzählt von den Aufnahmesessions zu ihren Plattenalben und von den unzähligen Konzerten so bildhaft, dass man unweigerlich ins Plattenregal greift, um das, von dem sie schreibt, auch möglichst zeitnah wahrhaftig zu hören. 

 Die Erkenntnis alt zu werden, verbunden mit dem Eingeständnis, dass man es nun langsamer angehen lassen muss, scheint Deutschlands Rock-Lady No.1 angenommen zu haben. Ihre Livekonzerte sind zwar rarer geworden, aber nicht weniger vollblütig. Ihre lesenswerte Autobiografie macht Appetit auf einen dieser Auftritte.

 

"Tagtäglich verschlang mich die Welt meines kargen Trommelkellers"

 Nun hat also auch BERTRAM ENGEL seine Memoiren verfasst. Eins wird beim Lesen seiner Autobiografie gleich klar: Dem gefühlt bei Udo Lindenberg und Peter Maffay auf Lebenszeit angestellten Ausnahme-Drummer mangelt es nicht gerade an Selbstbewusstsein. Wer will es ihm verdenken, wenn man schon als 16jähriger von Udo entdeckt und ein gutes Jahr später als blutjunger Schlagzeuger des Panikorchesters ins Star-Business geworfen wird. On Top kommt noch, später auch als Drummer für Mega-Stars wie Bruce Springsteen, Joe Cocker, Carlos Santana und Eric Burdon gebucht worden zu sein. Andererseits zeigt er aber auch Ehrfurcht und findet anerkennende Worte gegenüber berühmten Drummer-Kollegen wie Levon Helm von The Band.   

 In "Mit alten Männern spiel‘ ich nicht" plaudert  er süffisanterweise immer mal wieder aus dem Nähkästchen, da wurde während der Tourneen gesoffen, gekifft und gekokst was das Zeug hielt. Und die Protagonisten seiner zahlreichen Begegnungen mit den großen Stars des Musikbiz‘ hatten durchaus ihre eigenen seltsamen Marotten. BERTRAM ENGEL gibt etliche Rock’n Roll-Anekdoten zum Besten. Da kommt bei unzähligen Tour-Jobs, unter anderem auch für Robert Palmer, Jimmy Barnes und Wolfgang Niedecken, sowie seinem Mitwirken an rund 130 eingespielten Alben einiges zusammen. Er geht zu meiner großen Freude auch ausführlicher auf zwei meiner erklärten Lieblingsbands ein, die beide leider weitgehend unbekannt gebliebenen sind. Zum einen sind das die Gebrüder Engel aus Münster mit ihrem knackigen und politisch engagierten Deutsch-Rock sowie die deutsch-holländische Hardrock-Band New Legend, bei der er ebenfalls getrommelt hat.

 

 Auch cool: Bereits als 14jähriger spielte Bertram Lutz Wilhelm - so sein bürgerlicher Name - im Rock-Trio R.F.I. Stücke von Jimi Hendrix, Stud und des Mahavishnu Orchestras (!!) nach. Georg Hülsmann, der damalige Gitarrist der Band, sollte später unter seinem Künstlernamen Jim Voxx mit Bandstationen wie PVC, Skew Siskin und Inga Rumpf Karriere machen.    

 Dank dem klaren, direkten Schreibstil von BERTRAM ENGEL unter der fachlichen Kompetenz seines Co-Autors TOM SCHÄFER ist das Ganze enorm kurzweilig zu lesen. Nach Beendigung der Lektüre folgte der Griff in mein Plattenregal und ich muss einräumen, dass mit Peter Maffays „Live 82“ und „Live - Lange Schatten Tour '88“ – beide mit einer Sammlung übernommen – zwei gute, rockige Livealben jahrzehntelang ungehört im selbigen stehen geblieben sind. BERTRAM ENGEL hat mit seinem Buch also auch bei mir etwas klargestellt: Maffay rockte auch schon in den 80er-Jahren amtlich. Danke!   

 

 Übrigens soll BERTRAM ENGEL den Spruch "Mit alten Männern spiel‘ ich nicht" schon vor 40 Jahren während einer Probe der Maffay Band etwas entnervt in die Runde geworfen haben, wie sich Peter Maffay im Vorwort zum Buch erinnert. 

 

"Wann werden wir die schwarze Bevölkerung endlich dazu einladen, ihren Platz in Amerika einzunehmen?"

STEVIE VAN ZANDT ist ein Original mit viel augenzwinkerndem Humor. Das blitzt in seiner 2021 veröffentlichten Autobiografie "Soulfire! – Meine Rock’n Roll-Odysee" immer wieder durch. Schon als Teenager rockte er an der Seite von Bruce Springsteen, stieg allerdings erst 1975 als Gitarrist in dessen E-Street Band ein, und er hat ihm bis heute die Treue gehalten. Unter seinem Künstler-Alter Ego LITTLE STEVEN veröffentlichte er ab 1984 eigene Rockplatten, später erweiterten neben seiner Tätigkeit als Produzent und Radiomoderator auch Filmrollen als charismatischer Krimineller in "Die Sopranos" und "Lillyhammer" (in der Hauptrolle) sein künstlerisches Spektrum. "Gangster am Tage, DJ bei Nacht", umschreibt er diese Zeit in seinem Buch. Vielleicht am Wichtigsten ist jedoch sein politisches und gesellschaftliches Engagement in all den Jahren. 

 Wer in seine Autobiografie eintaucht, ist wohl baff erstaunt, was dieser Mann in seinem Leben schon erlebt hat. So soll ihm bereits in jungen Jahren die Blueslegende Freddie King mal drohend eine Pistole unter die Nase gehalten haben. Dazu kommen haarsträubende Situationen im politischen Untergrund Südafrikas und immer wieder Erfolgsmomente und Reibungen mit Kumpel Bruce Springsteen als dessen Mentor und rechte Hand. Neben seinen Erfolgen bringt "LITTLE" STEVEN VAN ZANDT jedoch auch gnadenlos Pleiten, Pech und Pannen zur Sprache, mit denen er konfrontiert war.    
 
 All dies lässt der Gitarrist und Sänger ebenso facettenreich wie augenzwinkernd humorvoll und nicht ohne eine Portion Selbstkritik Revue passieren. Bei 500 Seiten Umfang wird’s bei mir in Sachen Durchhaltevermögen normalerweise kritisch. Das war hier nicht der Fall, denn auch ich als halbwegs gut informierter Fan von "Miami Steve" habe bei dieser Lektüre viel Neues erfahren. LITTLE STEVEN beschäftigt sich im Buch natürlich auch ausführlich mit seinem politischen Engagement als einer der Köpfe und Impulsgeber von "Artists United Against Apartheid". Unvergessen seine Anti-Apartheit-Hymne "Sun City", mit der im Jahr 1985 Stars wie Miles Davis, Bono, Bruce Springsteen, Bob Dylan, Ringo Starr, Run DMC, Keith Richards und Lou Reed gegen den Rassismus und das Regime in Südafrika ansangen. Eine solche stargespickte Protest-Hymne gegen Rassismus und Ausgrenzung bräuchte es heute in den Vereinigten Staaten.

 

Miche Hepp

 

 

Inga Rumpf – Darf ich was vorsingen?,

Ellert & Richter Verlag, 352 Seiten,

20,00 €, ISBN 978-3-8319-0823-3


Bertram Engel - Mit alten Männern spiel‘ ich nicht,

Riva Verlag, 304 Seiten,

22,00 €, ISBN 978-3-7423-2762-8  


Stevie Van Zandt - Soulfire! – Meine Rock’n Roll-Odysee,

Hannibal Verlag, 528 Seiten,

27,00 €, ISBN 978-3-85445-716-9