Lesestoff


Freak-Sounds

Musik abseits der Norm - Christoph Wagner taucht ein in die Welt experimenteller Instrumente und avantgardistischer Grenzgänger

Kennen Sie die Glasharmonika oder das Trautonium? Wenn nicht, dann dürfte die Lektüre von Christoph Wagners neuem Buch „Freak-Sounds – Musik abseits der Norm“ Ihren Horizont erweitern. Wie schon bei seinem ebenfalls beim Verlag "Schott Music" herausgegebenen Buch "Geistertöne" (2020) handelt es sich hier um eine Sammlung von zum Teil schon veröffentlichten Interviews und Artikeln. Praktisch bei dieser Publikation: Am Ende jedes Kapitels hat der Autor unter der Rubrik "Hörimpulse" Musiktipps zum Nachhören zusammengestellt.  

 

 Die Spur der exotischen Instrumente, die hier vorgestellt werden, führt auch zurück in unsere südwestdeutsche Region. Genauer gesagt auf die Baar, der Hochebene zwischen dem Schwarzwald und der Schwäbischen Alb. Die Trossinger Traditionsfirma Hohner – weltberühmt für ihre Mundharmonikas und Akkordeons – spielt in dieser Publikation eine gewichtige Rolle, hat sie doch mit dem Clavinet und der Melodica zwei weitere Instrumente auf den Markt gebracht, die sich nachhaltig in der populären Musikszene etablierten. Christoph Wagner erzählt auf 18 Seiten facettenreich die Geschichte der beiden Hohner-Instrumente.  

 Das Clavinet, in den 60er-Jahren eigentlich als preiswerte Alternative zum Flügel oder Klavier entwickelt, wurde wegen des besonderen "funky" Klangbildes zuerst von der amerikanischen Soul- und Funkszene populär gemacht. Nach dem Riesenerfolg von Stevie Wonders Welthit "Superstition" – wo das Clavinet die Hookline des Songs besonders prägt – hat der Absatz enorm angezogen. "Da haben wir ganze Schiffscontainer vollgemacht mit Clavinets nach Amerika", bestätigte Ernst Zacharias aus der Hohner Entwicklungsabteilung die ansteigende Nachfrage. Aber auch die Keyboarder vieler britischer Bands entdeckten das Clavinet für sich, angefangen von Emerson Lake & Palmer, über Yes und Supertramp, bis hin zu Pink Floyd. 

 

 Bereits Mitte der 50er-Jahre wurde von Hohner die als Schulinstrument gedachte Melodica auf den Markt gebracht. Sie sollte als Alternative zur Blockflöte ihren Siegeszug antreten. Man verkaufte sie zwar weltweit aber von der Popwelt unbeachtet, bis in Jamaika der Reggae-Musiker Augustus Pablo und der Produzent King Tubby mit dem kleinen Tasteninstrument experimentierten. Deren Platten waren erfolgreich, und so setzten neben diversen Musikern und Bands aus der englischen Pop- und New Wave-Szene auch andere Reggae-Größen wie Bob Marley oder Peter Tosh die Melodica auf ihren Produktionen ein. Heute sind es vor allem der Blur-Sänger Damon Albarn und die US-Band The Hooters, die live und im Studio auf den ureigenen Sound der Melodica setzen. Letztere hat sich sogar nach einem Slang-Ausdruck für die Melodica benannt. 

 

Ein Plakat der Band Cheap Suite Serenaders mit Comic-Ikone Robert Crumb am Banjo. Bild: Sammlung Christoph Wagner
Ein Plakat der Band Cheap Suite Serenaders mit Comic-Ikone Robert Crumb am Banjo. Bild: Sammlung Christoph Wagner

 Der Synthesizer ist heute nicht mehr aus dem Alltag der Rock- und Popszene wegzudenken. Zu seinen Anfängen hat Christoph Wagner ebenso Lesenswertes recherchiert, wie auch zu teilweise skurril anmutenden Ablegern von Klavier und Flügel, denen der Durchbruch versagt blieb. Das Comeback der Zither, die Tradition des Appenzeller Jodelns oder ein amerikanischer Jazztrompeter als Orientreisender, es gibt auf 128 Seiten "Freak-Sounds" viel zu entdecken. Hochinteressant zu lesen ist auch das Kapitel über Robert Crumb, den König des subversiven Underground-Comics. Der 82jährige Künstler aus San Francisco macht selbst Musik und sammelt leidenschaftlich alte 78er-Schellackplatten aus aller Welt. Im Interview gibt er humorvoll Auskunft über diese Obsession.  


 Auch wenn dieses Buch nur eine Randgruppe von Musikhörern ansprechen dürfte, hat Christoph Wagner einmal mehr einen wichtigen Teil dazu beigetragen, bisher musikhistorisch vernachlässigtes Terrain für die Nachwelt zu erkunden. Hier geht’s zur Review zu seiner obig erwähnten Publikation „Geistertöne“. 

 

Christoph Wagner: Freak Sounds - Musik abseits der Norm.

edition neue zeitschrift für musik

Schott Music, 288 Seiten.

ISBN: 978-3-7957-3413-8, 29,95 €

 

 

                                                                                                                         Miche Hepp