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Oberschwaben rockt

Tanzkapellen, Bands, Locations - eine gelungene Zeitreise zurück in die Liveszene zwischen Schwäbischer Alb und Bodensee

In Sachen Tanz- und Unterhaltungsmusik war in Oberschwaben immer einiges los. Zuerst wurde am Samstagabend brav im Sakko und mit Krawatte zum Schwof aufgespielt, doch ab Mitte der 60er-Jahre wurde die Liveszene zwischen Alb und Alpen Dank zahlreicher junger Beat-Bands die Szene um einiges rockiger. Diese Zeit haben Dieter Löffler und Peter Fischer in ihrem Buch OBERSCHWABEN ROCKT aufgearbeitet. 

 

 Eine unglaubliche Fleissarbeit der Beiden, die heute noch in der Cover-Band Shake Five aus der Region Krauchenwies-Meßkirch aktiv sind. OBERSCHWABEN ROCKT hat vor allem viel Lokalkolorit. Auf 448 Seiten haben sie akribisch die Geschichte der oberschwäbischen Tanz- und Coverband-Szene aufgearbeitet. Dabei schlagen sie den Bogen von der Nachkriegszeit bis in die heutigen Tage. Rund 400 Bands aus sieben Jahrzehnten wurden recherchiert, als Sahnehäubchen präsentieren die beiden Autoren viel rares Bildmaterial. Bei den Bandvorstellungen wird ab den 50er-Jahren auf jedes Jahrzehnt detailreich eingegangen. Dazu gibt es Themenblöcke zu den damals gängigen Tanzlokalen sowie den Musikhäusern, in denen sich die regionale Musikerszene mit Instrumenten und Anlagen eindeckte. Selbst gut informierte Musikfans, was die Szene Oberschwaben betrifft, erfahren bei der Lektüre des Buches Neues. 

 

 Für Ü60-Rockfans aus Oberschwaben dürfte natürlich der Teil des Buches über die Blütezeit des Ennetacher „Adlers“ und des „Waldhorns“ in Krauchenwies besonders interessant sein. Legendär und heute kaum noch vorstellbar ist die Tatsache, dass Ende der 70er-Jahre in beiden Lokalen am Sonntagnachmittag zwischen 14 und 18 Uhr bis zu 1000 Besucher zu damals angesagten Rock-Hits tanzten. Live abgefeiert von den Bands Crusade (Konstanz), Cleopatra (Munderkingen), Vanessa (Ulm) und Cor (Bad Saulgau). Nicht ganz passt jedoch die Aussage im Buch, Letztere seien keine Coverband gewesen. So bestand die Setliste von Cor bei den regelmäßigen Gastspielen im „Adler“ und im „Waldhorn“ mindestens zu einem Drittel bis zur Hälfte aus Coverversionen. Von AC/DC – damals noch ein Insidertipp – waren beispielsweise die beiden Kracher „It’s A Long Way To The Top (If You Wanna Rock’n Roll)“ und „Can I Sit Next To You Girl“ vom Album „High Voltage“ fester Bestandteil der Setliste. Der Free-Klassiker „All Right Now“ wurde regelmäßig abgefeiert, wie auch Rick Derringers "Rock And Roll Hoochie Koo" oder „Radar Love“, der größte Hit von Golden Earring. Bei Cor kamen die Coversongs selbstbewusst, knochentrocken und enorm druckvoll rüber.

 

Die Bad Saulgauer Band Midnight Special - hier vor knapp 20 Jahren mit Andreas Kern von den Chaindogs als Sänger - mischt seit 1980 in der Cover-Szene mit. Foto: Miche Hepp
Die Bad Saulgauer Band Midnight Special - hier vor knapp 20 Jahren mit Andreas Kern von den Chaindogs als Sänger - mischt seit 1980 in der Cover-Szene mit. Foto: Miche Hepp

 Auch stimmte bei diesen vier Bands des Cover-Rock-Zirkels im „Adler“ und „Waldhorn“ einfach das Gesamtpaket. Da wurde geklotzt, nicht gekleckert. Die P.A. und das Bühnenlicht waren vom Feinsten und garantierten akustisch und optisch ein Erlebnis wie bei den großen Bands der Musikszene. Und vor allem verströmten die Auftritte von Cor, Cleopatra, Crusade und Vanessa echtes Rock-Feeling im Gegensatz zu den Gigs etlicher anderer Coverbands, die neben viel Pop zwar auch Rocknummern im Programm hatten, dabei aber ohne Biss blieben.  

 

 Manches wird natürlich durch die Brille des Cover-Musikers gesehen. Im Kapitel über das Krauchenwieser "Waldhorn" schreiben Fischer und Löffler vom Niedergang des Lokals in den 80er-Jahren, weil der damalige Betreiber Alfons Stecher statt Tanz-Formationen zunehmend Rockbands mit eigenem Songmaterial gebucht hätte und stellten fest: "Den Abstieg des Lokals hielt das nicht auf, weil die neuen Gruppen das alte Tanzpublikum eher abschreckten." Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Stecher Anfang der 80er nur auf Rock umsattelte, weil Tanzmusik bei ihm nicht mehr gezogen hat und sein Publikum in andere, angesagtere Locations abgewandert ist. Doch er machte das Beste aus diesem Dilemma und arbeitete fortan mit anderen Veranstaltern zusammen. In den 80er-Jahren sind im "Waldhorn" dadurch neben einer Vielzahl bekannter deutscher Bands auch internationale Größen wie die Woodstock-Legende Canned Heat, Bob Marleys Band The Wailers, Grachten-Rocker Herman Brood aus Amsterdam und mit Billy Cobham einer der weltweit besten Jazz-Drummer aufgetreten. Sie haben zahlreiche Konzertbesucher angezogen, die teilweise sogar eine Anreise aus dem benachbarten Ausland nach Krauchenwies auf sich nahmen.  

 

Rares Foto: Die Mengener Rockband Funky Railroad bei einem "Heimspiel" im evangelischen Gemeindesaal im Jahr 1977. Gitarrist und Sänger Thomas Fränkel (Bildmitte) ist heute noch oft auf oberschwäbischen Livebühnen anzutreffen. Foto: Sammlung T. Fränkel
Rares Foto: Die Mengener Rockband Funky Railroad bei einem "Heimspiel" im evangelischen Gemeindesaal im Jahr 1977. Gitarrist und Sänger Thomas Fränkel (Bildmitte) ist heute noch oft auf oberschwäbischen Livebühnen anzutreffen. Foto: Sammlung T. Fränkel

 Sehr interessant geriet auch der Themenblock zu den Sixties, als ab etwa 1965 mit Bands wie The Power Play (Riedlingen), The Anythings (Mengen), The Wishmen (Ehingen) oder The Sidetracks (Ravensburg) erstmals eine regionale Rockband-Szene entstand - verbunden mit einer ersten Auflehnung gegen das biedere Bürgertum, und wenn man als Junge auch oft nur um einige Zentimenter Länge seiner Haarpracht kämpfte. Die Schwoba-Rock-Urgesteine Alex und Georg Köberlein (Schwoißfuaß, Grachmusikoff) rockten übrigens damals schon in der Schussenrieder Schülerband The Eddy Five.

 

 Die bunten 70er waren wiederum von einer Perfektionierung der Tonanlagen und Bühnenpräsenz sowie der Erweiterung des Line-Ups mit Bläsersätzen geprägt. Man coverte jetzt Chicago, Blood Sweat & Tears oder Earth Wind & Fire. Jedes Jahrzehnt in der Cover-Szene hatte eben so seine speziellen Eigenheiten. Um das Ganze auf den Punkt zu bringen: Dieter Löffler und Peter Fischer haben mit OBERSCHWABEN ROCKT das lesenswerte Standardwerk zur regionalen Cover-Rock- und Tanzcombo-Szene vorgelegt. Da fast alle der hier vorgestellten Bands logischerweise nichts an selbstkomponierter Musik hinterlassen haben, wurde ihnen jetzt mit diesem Buch ein Denkmal gesetzt.

 

Text: Miche Hepp

 

Dieter Löffler/Peter Fischer

Rock in Oberschwaben

Gmeiner Verlag, 448 Seiten, 

ISBN 978-3-7801-1018-3, 35.- €